Senioren für Deeskalation

Eigentlich hatten meine Frau und ich uns ja gar nicht an den G8-Demonstrationen beteiligen wollen. Aber dann ließ unser Bundesinnenminister die Staatsgewalt von der Leine und die Demonstrationsvorbereitungen bekamen den Ruch des kriminoiden. Da ging es nicht mehr nur um Globalismus, sondern auf einmal um die Verteidigung des Demonstrationsrechts gegen staatliche Einschüchterung.

Wir trafen zur ASEM-Demo am Versammlungsort Millerntorplatz ein und wie gewohnt umrundeten wir erst einmal die Versammlung. „Dies ist ein sehr gefährlicher Ort“, signalisierte das martialische Staatsaufgebot. Dann wollten wir von außen durch die Polizeidoppelreihe zu dem Häuflein der Demonstranten vordringen, jedoch: „Stopp, hier können Sie nicht durch!“ wurde uns von einer Polizistin in Kampfmontur entgegengehalten, die durch ihren einen Punkt auf dem Helm als Schlußpunkt der Befehlskette kenntlich war. Glücklicherweise sahen wir in der Nähe einen Vierpunkthelmträger. Oh, das sei ein Missverständnis, bedauerte er und wies seine EinpunkthelmträgerInnen an, uns durchzulassen. Was für ein Anfang! Hochspannung. Eine Atmosphäre von Agression, wie ich sie zuletzt auf Anti-AKW-Demonstrationen vor 30 Jahren empfunden hatte. Hier mußte man wieder einmal auf die eigenen Knochen aufpassen.

Wir beschlossen dann, dass der sicherste Platz im Demozug ganz am Anfang sei und quetschten uns zwischen Demonstranten und dem Polizeikessel nach vorne durch. Und dann ging es auch bald los: Vor uns ein zutiefst verängstigter grüner Block in Kampfmontur, hinter uns der schwarze Block in alternativer Kampfmontur, um uns herum zumeist Journalisten, die Demoleitung und noch ein paar wenige ältere Demonstranten wie wir.

Mehrfach ließen wir uns von den Polizisten überrennen und befanden uns dann außerhalb des Kessels, wenn wieder einmal ein Stopp angeordnet worden war, weil, wie wir dann erfuhren, immer wieder die Transparente rechts und links neben dem schwarzen Block länger als 1,50 m ausgerollt worden waren, was ein Richter zuvor als unstatthaft gewertet hatte. Diese Aufführungen waren eigentlich ziemlich albern und hatten alle Anzeichen von Balzverhalten und Revierverteidigung (auf beiden Seiten), wenn sie auf Grund des hohen Aggressionspegels nicht so gefährlich gewesen wären.

Und dann tauchte auch ein ganz offensichtlich verkleideter „Autonomer“ in nagelneuer schwarzer Wolfskin-Jacke neben uns auf. Meine Frage: „Von welcher Dienststelle sind Sie denn?“ kam unerwartet und wurde zuerst mit „vom CIA“ und dann mit „vom Freien Sender Kombinat“ beantwortet – Mikrofon und Rekorder hatte er aber nicht dabei. Da kann man sich als Steuerzahler schon ärgern, welch unfähige Milchbubis als verdeckte Ermittler eingesetzt werden.

Und Provokateure waren natürlich auch da: Eine aus dem schwarzen Block heraus geworfene orange Rauchbombe wurde mit Anlauf von außerhalb des Demozugs in den hocherregten Polizeiblock (das Seitentransparent war mal wieder zu weit ausgerollt gewesen) geschossen. Glücklicherweise verlor niemand die Nerven. Ich stellte den Mann zur Rede und war auf einmal von insgesamt Dreien umzingelt, die versuchten, mich gegen die PolizistInnen aufzuhetzen, die diesen Tage wahrscheinlich eigentlich lieber bei ihrer Familie verbracht hätten, statt unbezahlte Überstunden anzusammeln.

Am Rödingsmarkt wurde die Demonstration dann vorzeitig beendet und zu zweit (noch keine ungenehmigte Versammlung!) entfernten wir uns aus dem Kessel. Den Tageszeitungen konnten wir dann das Ende der Demonstration entnehmen: Bis ins Karolinenviertel hinein ließ die Polizeiführung den sich auflösenden Demozug verfolgen was zu Barrikadenbau und gewalttätigen Auseinandersetzungen führte. Wen oder was mußte die Polizei eigentlich im Karoviertel schützen? Das war nur noch kleinliches „Nachtreten“ – Balzverhalten und Revierverteidigung eben.

Diese Erlebnisse haben uns zu denken gegeben.

So, wie die Polizei aufgetreten ist, hat sie sich massiv als Kombattant angeboten, so dass sie ihre eigentliche Rolle als „Ordnungsmacht“ gar nicht mehr wahrnehmen konnte. (Nebenbei: Wozu eigentlich muß auf einer Demonstration die Dienstwaffe mitgeführt werden? Das ist nicht nur beim Rennen lästig, sondern lebensgefährlich, weil auch Polizisten manchmal ausrasten.)

Die von uns ausgehende Verunsicherung dadurch, dass wir an einer Stelle demonstrierten, auf die wir eigentlich nicht hingehörten, hat zu einer erfreulichen Erhöhung der Agressionshemmung um uns herum geführt.

Deshalb hatten wir die Idee, die „Senioren für Deeskalation“ als eine Gruppe von demoerfahrenen Alt-68ern ins Leben zu rufen, die man in Anlehnung an die UNO-Blauhelme an ihren hellblauen Mützen erkennen soll und deren Aufgabe es wäre, als Ordner in einer Demonstration durch gewaltfreie Interventionen die Provokateure zu entmachten und sowohl gegenüber verhärteten Demonstrationsteilnehmern als auch gegenüber verängstigten Polizisten beruhigend zu wirken.

Zum Schluß noch der Link auf einen Beitrag, in dem ausführlich auf Deeskalationstechniken eingegangen wird: Ordnerschutz – leicht gemacht für jedermann

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One Response to Senioren für Deeskalation

  1. Be sagt:

    Toll, ich bin stolz auf euch!

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