Senioren für Deeskalation, erster Einsatz

ein Erlebnisbericht der Demo am 15.12. 2007 von Elke Andresen und Klaus Schleisiek

Die Arbeitsgruppe Deeskalation der Patriotischen Gesellschaft von 1765 hat sich vorgenommen, die Hamburger Demonstrationsszene zu verfriedlichen. In den letzten Jahren hat es sich eingebürgert, dass Demonstrationen von einem sehr großen Polizeieinsatz begleitet werden. Bei der Demonstration vor dem G8-Gipfel im Mai wurden die TeilnehmerInnen so von der Polizei eingekesselt, dass die Demonstration von den Veranstaltern aufgelöst wurde, da diese Form der Demonstration nichts mehr mit dem im Grundgesetz garantierten Recht auf Demonstrationsfreiheit zu tun hatte.

Auch bei der Demonstration am 15.12. wurde diese Taktik verfolgt. Praktisch alle TeilnehmerInnen wurden von den Medien und der Polizei als gewaltbereit eingestuft. Wir hatten mit dem Veranstalter Kontakt aufgenommen. Er begrüßte die Idee eines Einsatzes der Senioren für Deeskalation. Zur Kontaktaufnahme mit Vertretern der Polzeiführung waren wir nicht gekommen. Dennoch sagten wir uns, man muss einfach mal anfangen und bastelten uns „Senioren für Deeskalation“. Sandwich-Schilder. Wir sagten noch einem alten Freund Bescheid und gingen zu dritt mit zwei Reserveschildern los.

Schon beim Sammeln vor der Roten Flora wurden wir von den Jugendlichen freundlich beäugt und mehrfach angesprochen. Für unsere zwei Ersatzschilder fanden wir schnell Abnehmerinnen. Eine alte, schwer gehbehinderte Dame bedauerte sehr, dass sie nicht mitgehen konnte. Sie fand die Idee einfach Klasse und wäre gern dabei gewesen.

Schließlich setzte sich der Zug in Bewegung. Wir plazierten uns hinter der Polizei vor dem Schwarzen Block. Immer wieder wurde der Zug angehalten und die Polizei schloss zu den Demonstranten auf, wobei wir dazwischen blieben. Dabei hatten wir den Eindruck, dass die PolizistInnen nicht so verbissen waren, wie bei der Demonstration vor dem G8-Gipfel. Einige ließen sich sogar auf Blickkontakt und einige freundliche Worte ein, was damals nicht möglich war. Die Jugendlichen aus dem Schwarzen Block waren durchweg freundlich. Von ihnen hörten wir immer wieder Bemerkungen wie: <Klasse, dass ihr hier seid>, <’ne geile Aktion>.

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© iGuerilla.de

Zweimal konnten wir erfolgreich deeskalierend wirken. In dem einen Fall hatte sich die Situation an der Seite des Demonstrationszuges zugespitzt. Den Ausgangspunkt des Konflikts hatten wir nicht wahrgenommen, aber inzwischen beschimpften die Demonstranten einzeln und in Sprechchören lautstark die Polizisten und ballten die Fäuste. Wir liefen an den Händen gefasst wortlos dazwischen. Man ließ uns bereitwillig eine Gasse und bereits nach einer halben Minute hatte die Situation sich beruhigt. Beide Seiten konnten das Gesicht wahren, da ja wir „Schuld“ an der Beendigung der Konfrontation waren. Keine Seite hatte sich der anderen unterworfen, die Ehre war gewahrt und man konnte nun einfach weitermarschieren.

Im anderen Fall wurde der Zug mal wieder gestoppt. Dieses Anhalten des Demonstrationszuges wurde meistens damit begründet, dass ein Seitentransparent irgendwo im langen Zug breiter als 1,5 m sei und deshalb zumindest nachgemessen werden müsste oder dass die Gesichter einzelner TeilnehmerInnen nicht ausreichend kenntlich wären.

Bei einem Stoppbefehl rannten die Polizisten auf Tuchfühlung an die Demonstranten heran. Ein junges Mädchen stand aber gerade mit dem Rücken zur Polizei, wurde unerwartet angerempelt, fiel hin, wurde wütend, sprang auf und trat spontan hinter dem entschwindenden Polizisten her. Der fühlte sich möglicherweise bedroht, drehte sich um und wollte das Mädchen zur Rechenschaft ziehen. Das sahen wir und stellten uns kurzentschlossen dazwischen. Der Polizist drehte sich daraufhin wieder um, lief seinen Kollegen hinterher und die Situation war gelöst.

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© iGuerilla.de

Kurz bevor die Demonstration aufgelöst wurde, wurden wir vom Polizeiseelsorger angesprochen, wer wir wären, was wir mit unserer Aktion bezweckten. Wir erklärten ihm unsere Zielsetzung und tauschten mit ihm unsere Adressen aus. Bereits am nächsten Tag meldete er sich und erklärte seine Bereitschaft, uns näher kennenzulernen und eventuell einen Kontakt zur Polizeiführung zu vermitteln. Da auch Andreas Blechschmidt, der Veranstalter der Demonstration, sein Kommen zum nächsten Treffen zugesagt hat, hoffen wir, dass beide Seiten einen Weg der Verständigung finden.

Die Wahrung des Demonstrationsrechtes ist ein hohes Gut in unserer Demokratie und es kann nicht sein, dass Menschen, obwohl sie mit den Zielen der Veranstalter übereinstimmen, sich nicht mehr trauen, an diesen Demonstrationen teilzunehmen aus Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Provokateure, die es immer bei solchen Veranstaltungen gibt, bekommen ein zu großes Gewicht und die politische Meinungsbildung wird dadurch verzerrt. Unser demokratisches Gemeinwesen könnte auf Dauer Schaden nehmen. An dieser Stelle fühlen wir uns als Patrioten gefordert.

Ergänzung am 21.12.2007

Die Berichterstattung der dpa hat unsere Aktion auch in München bekannt gemacht. Daraufhin hat am 17. 12. Radio Lora (München) dieses Interview gesendet.

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2 Responses to Senioren für Deeskalation, erster Einsatz

  1. Sorry, daß ich diese Seite erst nach der Demo erwischte, sonst wäre ich vielleicht bei euch mitgewandert.
    Mir tun immer noch die Knochen weh vom ‚draußen um die Demo herumlaufen‘.

  2. […] “Senioren für Deeskalation” in Form eines Strumpfhosengeschwaders, das in Hamburg erfolgreich gegen Gewalt auf Demonstrationen vorgeht. Vielleicht fühlt sich ja der ein oder andere Leser angesprochen, da mitzumachen? […]

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